14 Thesen für X Breidenbach
Dieser Text geht auf eine Einladung zurück. Der:die Künstler:in
X Breidenbach und ich sind seit einigen Jahren befreundet, haben aber nie zusammengearbeitet. Vor Beginn der Ausstellung »FATHOM X Breidenbach mit Mahmoud Tarek« mich X, ob ich nicht einen Ausstellungstext schreiben könnte. Das Medium Ausstellungstext hat eine lange Geschichte. In den schlechteren Fällen versteht man darunter einen Text, der erklärt, was man sieht. Doch eine solche Form unterschätzt uns alle – und sie unterschätzt auch das Sprechen des Kunstwerks. Deshalb habe ich mich für eine andere Art der Bezugnahme entschieden, für einen konzeptkünstlerischen Text, der das Gespräch, das in diesem Raum entstehen sollte, einübt.I.
Ganz am Anfang steht unser Kreuz, das mir wie ein Platzhalter scheint. Eine Lücke, die ich nicht beabsichtige. Sie sagen: »Damit wir Sie zählen können als Teil dieser Statistik, brauchen wir Ihr Kreuz.« Sie sagen: »Nein. Nicht hier, da muss ihr Name hin.« Sie sagen: »Sie möchten nicht?« Sie sagen: »Nun gut. Dann geben Sie mir Ihren Pass. Wenn Sie Ihr Kreuz nicht machen, dann sind Sie nicht länger Teil unserer Geschichte. Dann gehören Sie nicht länger dazu. Dann sind Sie, denn ich nehme das genau, nicht mal ein Mensch.«
II.
Was aber ist ein Mensch im Auge deiner Geschichte?
III.
Da ist die Chronik deines Werks. In ihr sind drei Personen anwesend. Die erste ist eine tendenziell vergangene. Die zweite ist eine heute noch gegenwärtige. Und die dritte beschreibt möglicherweise unser aller Zukunft.
IV.
Da sind die blaugrünen Wellen, die brechen vor der menschenleeren Stadt. Zu Beginn der Zwanziger Jahre. Aber du kommst von Osten her, läufst barfuß über den von Gischt bedeckten Sand. Da ist ein Zaun und ein vertrocknetes Feld. Da ist sharply edged barbwire. Da ist eine Meerenge, deren Weite ich nicht ermessen kann, die du aber gespürt haben musst, zwischen dir und der unendlichen Freiheit. Da sind Backstein und Glas. Da sind saubere Straßen, aus denen dampfend die Erde bricht. Da ist eine Struktur in der Abfolge deiner Bilder. Da ist dein schlagendes Herz.
V.
Da ist das gleißende Licht der Sonne, das deine weiße Haut verbrennt. Da ist das Rauschen der Welt, das du nicht überhören kannst. Hat nicht auch sie ein Herz? Der Engel der Geschichte mag so aussehen, durchnässt geht er den Strand entlang, auf seinem Haupt ein Schneckenhorn.
VI.
Manche behaupten, dass alle Ereignisse früher oder später eine Spur in Schrift hinterlassen. Und auch du sagst, dass du dir die Geschichte ihrem Namen nach als eine Sammlung von Schichten vorstellst. Doch besteht diese für dich nicht in Buchstaben. Dein Text ist kein geschriebener, er ist gemalt vielleicht, gepresst, aufgebracht auf einen Grund, der nicht das ist, was ich hier sehe. Ich lerne schnell, meine ich. Das hier ist kein Papier.
VII.
Da ist die Stadt, die in den Himmel ragt. Da ist der Himmel, dein Horizont. Noli me tangere, entgegne ich Christus an der Wand. Doch auch ihn legst du nieder, längs auf diesem Boden, in diesem Raum, der mir unheimlich ist. Ich denke an den Turmbau zu Babel. It is our all foundation, insistiere ich mit weit aufgerissenen Augen und schließe sie sogleich, als ich dich sehe. Du hast mit dem Kopf geschüttelt, trägst das Schneckenhorn nicht mehr. In meiner Erinnerung sprichst du leise, während draußen immer noch der Regen fällt.
VIII.
Alle Türme sähen schöner aus, wenn sie sich nur schlafen lägen.
IX.
Und auch du legst dich nieder, liegst, wie jeder Mensch, der einmal Kunst geschaffen, reglos neben deinem Werk. Du hast dich selbst zum Hindernis gemacht. Denn das ist das Los der erschöpften Person: morire per creare, selbst in Gottes Haus. Oder wie es in einem Aphorismus Kafkas heißt: »Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen als begangen zu werden.«
X.
In seinem berühmten Seminar X spricht Jacques Lacan von einem Begehren, das vom Mangel ausgeht, einer dem Menschen eigenen Leere, die zu füllen wir niemals imstande sein werden. Es ist das Los meiner Geburt, stelle ich fest, dein Buch neben mir, dass sich meine intimsten Hoffnungen niemals erfüllen werden. And how hard this is to fathom. Denn sie bleiben für immer.
XI.
Dabei gälte es, einfach nur unsere Hoffnungen offen zu halten.
XII.
Und so mustere ich dich. Da sind Reste von Asche an deinen Händen und die ölige Creme an meinen, die sauber gewaschenen. Da ist dieser Satz, der über meine Finger läuft wie ein Gruß aus einer mir unbekannten Heimat. Einer Heimat, von der du mir erzählst. Denn es gibt keine Erde, wenn ich sie nicht auch in meinen Händen halte, und gehalten werden, das wollen wir doch alle.
XIII.
So schaue ich hinaus auf die schmale Straße vor meinem Haus, die in diesen Tagen voller Baustellen ist. Unser ganzes Leben, meine ich zu sehen, steht unter dem Eindruck dieser Stadt. Du sagtest einmal, wir müssten gehen, um sie neu anzusehen. Überhaupt sei es nötig, schreibst nun auch du mir, in geregelten Abständen alle Stätten, an der wir Menschen sind, zu verlassen, um uns selbst zu erreichen.
XIV.
Denn das hypertrophe Selbst sei doch nur eine Aushilfe, deren rechter Gebrauch den meisten völlig unklar sei, sagst du und gehst. Ich aber bleibe. Vielleicht ist es hier, am Ende dieser Geschichte, deiner Apokalypse, dass deine Kritik der Vertikalität, die nichts anderes enthüllt als unser Leben im Westen, ihre ästhetische Bestimmung findet. Und vielleicht ist es dein bedingungsloser Mut, ihr in die Augen zu sehen, den ich am meisten an dir bewundere.