Ein Schriftsteller zu jener Zeit


Als ich diesen Satz von Elizabeth Bishop lese, sitze ich unter keiner Platane. Keine Pyrenäen säumen den Himmel. Die Wärme dieses Sommers vor vier Jahrenist abwesend, alles ist lange her. »I never really sat down and said to myself, I’m going to be a poet. Never in my life. I’m still surprised that people think I am (…) There’s nothing more embarassing than being a poet, really.« Als ich den Schriftsteller Senthuran Varatharajah kennenlernte, schien die Welt leichter zu werden, nun ist sie schwerer geworden.
Ich hole Senthuran in Hildesheim ab, wo er gerade ein letztes Seminar gegeben hat. Ich stehe auf dem Parkplatz. Als er mich sieht, ist sein Blick sanft. Wir umarmen einander lange. In einer Woche wird der S. Fischer Verlag seinen zweiten Roman veröffentlichen, Rot (Hunger). Als Senthuran mir das PDF schickte, bat er mich, ich solle ihm bald schreiben. Aber was soll ich schreiben, wo dieses Buch doch nicht nur ein Buch ist, sondern auch der Bericht eines Lebens, ein Gebetsbuch also, dessen Psalme ich oft gehört habe, weil Senthuran sie, er wird es später sagen, sein ganzes Leben hindurch geprobt hat, um sie nun, um sich nun, loszulassen.
 
Als wir an seinem Esstisch platznehmen, der ebenso ein Schreibtisch ist, ist alles wie immer: das schwarze Linoleum; der schmale Licht­schein, der von einer einzelnen kaum ernst­zunehmenden Lampe herrührt, die noch dazu an einem einzigen Punkt befestigt ist und darum ständig droht, abzustürzen; das Bild an der Wand, das einen Mann zeigt, der auf eben einem solchen Stuhl sitzt, wie Senthuran es nun tut, und der eine Gestalt hat, aber kein Gesicht. Notdürftig schiebt er nun einige Arbeits­materialien zur Seite, die Luther­bibel und die Elberfelder Übersetzung; rechts in einer Vase steht eine immergrüne rote Lego-Blume. Die Sonne geht unter. Aus der Wohnung unter uns kommen Bohr­geräusche, die für die Dauer unseres Gesprächs nicht aufhören werden.
Vier Jahre kennen wir einander nun. Und während es das Los, die Bestimmung, der Grund eines solchen Schriftstellers ist, das Leben einer Schrift zu spenden, die nur selten etwas zurückgibt, ist es die Rolle seiner Nächsten nichts dagegen tun zu können.

(...)

Interview und Produktion: Holm-Uwe Burgemann
Assistenz: Giulia Romani
Bilder: Holm-Uwe Burgemann

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